Neues zur St. Galler Münzgeschichte II: Walzenprägungen der Jahre 1564 und 1573 – Die ersten mechanisch hergestellten Münzen von St. Gallen moreIn: Numis-Post & HMZ 41, 2008, No. 12, S. 63–67. |
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Neues zur St.Galler Münzgeschichte II:
Walzenprägungen der Jahre 1564 und 1573: Die ersten mechanisch hergestellten Münzen von St.Gallen
Am 12. September erschien ein neuer Katalog zur Münzprägung der Stadt St.Gallen von 1407 bis 1797. Bei der Arbeit zum Buch ergaben sich zahlreiche neue Erkenntnisse, oft aus den reichen Schriftquellen zur St.Galler Münzgeschichte, die bisher nie in grösserem Umfang ausgewertet worden waren. Einige dieser Trouvaillen werden mit einer kleinen Artikelserie präsentiert (bisher erschien: Warum Jonas Thiébaud in St.Gallen keine Münzstempel schneiden durfte, Numis-Post & HMZ 41, 2008, No. 10, S. 85–89). Bis ins 16. Jahrhundert wurden Münzen ausschliesslich von Hand mit dem Hammer geprägt. Für zweiseitige Prägungen verwendete man ein Untereisen (mit dem Vorderseitenstempel), das in einen Amboss eingelassen war, und ein Obereisen (mit dem Rückseitenstempel), das frei geführt wurde. Mit einem oder mehreren kräftigen Schlägen wurde das Münzbild eingeschlagen. Diese Prägemethode hatte bei den Münzen grosse Unregelmässigkeiten zur Folge (flaue Prägungen, Doppelschläge, Risse im Schrötling etc.). Um 1550/60 experimentierte man an verschiedenen Orten in England, in Süddeutschland und auch in der Schweiz mit neuen mechanischen Prägeverfahren, die ein präziseres Arbeiten erlaubten und vor allem gut für grössere Münzen wie die seit Anfang des 16. Jahrhunderts geprägten Guldiner bzw. Taler geeignet waren. Auch in der St.Galler Münzprägung finden wir deutliche Spuren dieser frühen Versuche. Stampfer und seine Gesellschaft: Das erste Walzprägewerk der Schweiz Die ersten erfolgreichen mechanischen Prägungen sind Ausfluss der Versuche, die in Zürich in der Zeit zwischen etwa 1558 und 1564 angestellt wurden. Sie fanden im Umfeld von Jakob Stampfer statt, dem Zürcher Goldschmied, Münzmeister und Medailleur. Jakob Stampfer war auch als Münzprobierer einer der gefragtesten Münzfachleute in der Eidgenossenschaft. Stampfer arbeitete offenbar zunächst in einem Konsortium, einer «Gesellschaft», zu der unter anderem der Zinngiesser Rudolf Rordorf, der Münzmeister Martin Rosenthaler, der Zimmermann Jakob Bluntschli und Hans Vogler der Jüngere (1524–1574/75) gehörten. Die Gruppe erprobte ein sogenanntes Walzprägewerk, die Adaptierung eines mechanischen Verfahrens, wie es bei der Tuchbearbeitung (Walken der Tü12/08 www.numis-online.ch 1
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cher), aber auch bei der Vorbereitung des Münzmetalls zur Prägung (Silberstrecken) verwendet wurde. Das Walzwerk für die Münzprägung bestand im Kern aus zwei gegenläufigen Stahlwalzen, den sogenannten «Wellen», auf die mehrere Münzstempel (jeweils Vorder- und Rückseite) graviert waren. Die vorbereiteten Silberplatten, die Zaine, wurden zwischen diesen Walzen hindurchgezogen und damit geprägt bzw. gewalzt (daher der Name). Erst danach wurden die Münzen mit einem Locheisen ausgestanzt. Angetrieben wurde das Werk in der Regel mit Hilfe der Wasserkraft. Das Verfahren erlaubte eine regelmässige, sehr präzise Prägung, war aber technisch anfällig, denn die «Wellen» mussten im Werk sehr genau eingespannt werden und brachen durch die ungleichmässige Belastung oft. Auch die Herstellung der Stempel war nicht ganz einfach, denn sie mussten wegen der Materialverdrängung beim Walzen auf der Rundung der «Welle» oval graviert sein, damit die Prägung rund wurde. Auf der anderen Seite konnten mehrere Münzen gleichzeitig geprägt werden, da auf einer Drehung einer Walze jeweils vier bis sechs Stempel Platz hatten. Wie dieses Walzwerk in Zürich aussah, das vermutlich an der Limmat, wo Wasserkraft verfügbar war, eingerichtet wurde, wissen wir nicht. Der Nachbau eines Walzprägewerks aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, das im Museum der Münzstätte Hall in Tirol steht, gibt aber ein klares Bild einer solchen Maschine, die mehrere Meter lang war (Abb. 1), aber von einer Person bedient werden konnte.
Abb. 1: Walzprägewerks des 16. Jahrhunderts; funktionsfähige Rekonstruktion von Werner Nuding. Museum der Münze Hall in Tirol.
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1564: Taler und Groschen für St.Gallen Neben Talern für Zürich (ab 1558) wurden auf dem Zürcher Walzprägewerk auch Münzen für andere Münzherrschaften hergestellt, darunter für St.Gallen. Die Stempel dazu stammten von Jakob Stampfer; ob er selbst oder einer seiner Gesellschafter die Prägungen ausführte, wissen wir nicht. Mit der Jahrzahl 1564 ist ein Taler für St.Gallen in zwei Stempelvarianten überliefert, eine dritte Variante ist nur als Kupferabschlag erhalten. Vermutlich waren also auf die Prägewalze zwei (oder drei) Talerstempel graviert. Es ist die wohl schönste Münze der städtischen Münzreihe (Abb. 2). Die Vorderseitendarstellung mit den beiden Engeln als Schildhalter nahm Jakob Stampfer übrigens zwei Jahre später wieder auf, als er den Auftrag erhielt, für die Stadt St.Gallen ein neues Siegel anzufertigen.
Abb. 2: St.Gallen, Stadt. Taler 1564. Zürich, Schweizerisches Landesmueum, Inv. AZ 5994 (Ankauf 1983).
Im selben Jahr wurde mit dem Zürcher Walzprägewerk auch ein Groschen für St.Gallen hergestellt. Die Prägung scheint nicht erfolgreich verlaufen zu sein, denn es ist nur ein einziges Exemplar erhalten, das 1884 in der Limmat in Zürich, wahrscheinlich beim Bau der Gemüsebrücke, gefunden wurde (Abb. 3). Ob der Fundort auch ein Hinweis auf den Standort der Münzwerkstatt von Stampfer und seinen Gesellschaftern sein könnte, ist eine interessante Frage, die aber offen bleiben muss. 1567: Kein Interesse an der Maschine in St.Gallen Abb. 3: St.Gallen, Stadt. Groschen 1564 Stampfer und seine Gesellschafter waren bereits 1564 zer(Walzenprägung). Gefunden 1884 in der stritten und Rordorf wie auch Rosenthaler und Bluntschli traLimmat. Schweizerisches ten als direkte Konkurrenten von Stampfer auf. Zumindest Landesmuseum Zürich, Inv. AG 316. von Rordorf ist bekannt, dass er «seine» Prägemaschine auch andernorts und als derjenigen von Stampfer überlegen anpries. In Zürich jedoch hatte Stampfer die besseren Karten: In einem Empfehlungsschreiben für Stampfer an die Herren von Rappoltstein hielt der Zürcher Rat am 8. Januar 1564 fest: «von Ruodolff Rordorffen Kunst [= Prägemaschine] wüssint vnnser herren nüt, haben auch darvon, das er dero brucht, nie nützit ghördt noch verstanden [= nie etwas gehört oder vernommen].»
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Das Buch: Edwin Tobler, Benedikt Zäch, Samuel Nussbaum Die Münzprägung der Stadt St.Gallen, 1407-1797. St.Gallen 2008. Schweizer Studien zur Numismatik, Bd. 2, hrsg. von der Schweizerischen Numismatischen Gesellschaft und dem Münzkabinett der Stadt Winterthur. 272 Seiten, 625 Münzabbildungen im Katalog, 31 Textabbildungen. ISBN 978-3-907047-06-4. – CHF 98.– Erhältlich bei: Numis-Post & HMZ, Postfach, 7310 Bad Ragaz.
Auch in den St.Galler Quellen ist 1567 ein Angebot überliefert, das «ainer von Grifensee» (im Zürcher Oberland) dem Rat zur Einrichtung einer «Welle», d.h. eines Walzprägewerks, machte. Emil Hahn glaubte 1915, es müsse sich dabei um Rudolf Rordorf handeln, aber wahrscheinlich ist ein anderer der ehemaligen Gesellschafter von Stampfer, Jakob Bluntschli, gemeint, der aus Dürnten im Zürcher Oberland stammte. Auch in St.Gallen war man der neuen Maschine gegenüber nicht offen und antwortete, man «well laßen münzen wie bißhar.» Dabei dürfte eine Rolle gespielt haben, dass zu diesem Zeitpunkt die St.Galler Münzstätte an zwei Ratsmitglieder verpachtet war, die vor allem Kleingeld prägten und wohl nicht an einer auswärtigen Konkurrenz interessiert waren. 1573: Hammer- und Walzenprägung im selben Jahr Ein paar Jahre später, als die St.Galler Münzstätte kaum mehr aktiv war, änderte sich dagegen die Haltung des Rats. Ende September 1572 ging man auf das Angebot eines Hans Maler aus Zürich ein, dem St.Galler Rat «ain werk der münzmüli [zu] vereeren». Mit «Münzmühle» war natürlich ein Walzprägewerk gemeint, das auch als eine Art Mühle verstanden werden konnte. Ob es sich beim Nachnamen des sonst unbekannten Münzmeisters um einen Familiennamen oder um eine Berufsbezeichnung handelt, ist nicht klar: «Maler» wurde auch der Münzpräger genannt, der die Münze «malen», d.h. prägen musste. Der Rat setzte Verordnete ein, gab 1000 Gulden für eine Prägung von Behemsch (also Groschen zu 3 Kreuzern) frei und beschloss, auch Kleingeld herzustellen. In diesem Fall wissen wir auch, wo die neue Maschine installiert wurde. Der Rat entschied nämlich am 22. Januar 1573, im neuen Refektorium des Klosters St. Katharinen den «münz truck» einzurichten. Das Katharinenkloster lag am unteren Marktplatz von St.Gallen und war nach der Reformation
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Bei der Groschenprägung von 1573 lassen sich die Charakteristika der Hammer- und der Walzenprägung gut miteinander vergleichen, denn mit derselben Jahrzahl wurden beide Prägetechniken verwendet. Während die mit dem Hammer hergestellten Groschen (Abb. 4) eine unregelmässige Oberfläche aufweisen, nicht überall gleich stark ausgeprägt und meist nicht ganz rund sind, heben sich die Walzenprägungen (Abb. 5) deutlich davon ab: Sie sind sehr gleichmässig ausgeführt, die Darstellung ist überall deutlich und der Schröt-
Abb. 4: St.Gallen, Stadt. Groschen 1573 (Hammerprägung). Privatbesitz.
Abb. 5: St.Gallen, Stadt. Groschen 1573 (Walzenprägung). Privatbesitz.
ling regelmässig rund. Vom Groschen 1573, der mit der Prägewalze hergestellt wurde, gibt es mindestens vier kleine Stempelvarianten, ausserdem lässt sich feststellen, dass die Münzbilder auf der Prägewalze nicht nebeneinander, sondern übereinander graviert waren. Eine Prägewalze dürfte also vier Münzstempel enthalten haben. Trotz der eindeutigen Vorzüge der neuen Technik blieb die Prägung von 1573 ein Einzelfall. Wir wissen nicht, ob es Probleme mit der Maschine von Hans Maler gab. Es scheint auch, wenn man Zahl der Stempelvarianten des Groschens betrachtet, nur eine einzige Prägewalze verwendet worden sein. Jedenfalls begann man in St.Gallen nach einem mehrjährigen Unterbruch 1579 wieder Groschen mit dem Hammer zu prägen und erst im 17. Jahrhundert wurden Walzprägewerke wieder in grösserem Umfang eingesetzt. Benedikt Zäch
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1528 von der Stadt säkularisiert worden. Allerdings gestaltete sich die definitive Übernahme schwierig, da das Klosterareal als bischöfliches Lehen galt und sich die letzte Priorin, die mit zwei Mitschwestern in der Klostergemeinschaft verblieben war, weigerte, die von der Stadt angebotenen Abfindungen zu akzeptieren. Die Klostergebäude standen von 1561, als die Klosterfrauen auszogen, bis zum definitiven Kauf durch die Stadt 1594 mehr oder weniger leer und boten sich daher als Räumlichkeiten für einen Münzbetrieb bestens an.